Lesestoff / Plettenberg
Generationen zwischen Rosen und Unkraut
Plettenberger Seniorenvertretung bietet Taschengeldbörse an
Text und Fotos: Bernhard Schlütter
KOMPLETT · September 2026

Die Rosen warten nicht darauf, dass Britta Wortmann Feierabend hat. Das Unkraut auch nicht. Wenn die Mittfünfzigerin nach einem Zwölf-Stunden-Tag in der Pflege nach Hause kommt, bleibt die Gartenarbeit deshalb gerne liegen. Bis Laura Igel kommt.
Laura packt an
Laura ist 14 Jahre alt, Realschülerin – und einmal pro Woche Gartenhelferin in der Papenkuhle. Sie zupft Unkraut, schneidet Rosen und erledigt, was sonst noch an leichter Arbeit anfällt.
„Gartenarbeit ist so gar nicht meins“, sagt Britta Wortmann. Und nach einem langen Arbeitstag erst recht nicht. Also übernimmt Laura. Rund zwei Stunden ist sie bei einem Einsatz beschäftigt.
Einen starren Dienstplan gibt es nicht. „Das machen wir ganz flexibel nach Absprache“, sagt Wortmann. Laura steht daneben und nickt. Zehn Euro gibt es in der Regel für eine Stunde. Laura bessert damit ihr Taschengeld auf, Britta Wortmann gewinnt Zeit – und muss sich nicht selbst mit dem Unkraut beschäftigen.
Eigentlich ist Wortmann mit Mitte 50 gar nicht die typische Kundin der Taschengeldbörse.
Eine Börse ohne Aktien
„Zu unserer Zielgruppe gehören in erster Linie ältere Plettenberger, die Hilfe brauchen“, sagt Ralph Born von der Seniorenvertretung.
Die Idee ist einfach: Auf der einen Seite stehen Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die sich etwas hinzuverdienen wollen. Auf der anderen Seite Menschen, die Unterstützung brauchen. Die Seniorenvertretung bringt beide zusammen.
Das kann im Garten passieren, beim Einkaufen oder vor einem Smartphone, das partout nicht das tun will, was sein Besitzer möchte. Rasen mähen, Laub harken, Müll herausbringen, Besorgungen erledigen, bei Computer und Handy helfen oder einen älteren Menschen beim Spaziergang begleiten – die Liste möglicher Tätigkeiten ist lang. Auch Vorlesen, Spielen und Basteln gehören ausdrücklich dazu.
Eine Grenze gibt es allerdings. „Die Arbeit soll nicht zu schwer sein“, sagt Born. Die Aufgaben müssen einfach und ungefährlich bleiben. Die Seniorenvertretung empfiehlt zehn Euro pro Stunde sowie höchstens zwei Arbeitsstunden am Tag und vier Stunden in der Woche.
29 Jugendliche sind dabei
Laura musste von der Idee nicht lange überzeugt werden. Ihre Zwillingsschwester hatte die Taschengeldbörse bereits für sich entdeckt und gab ihr den Tipp. Nun hat auch Laura ihren Job.
Andere Jugendliche warten noch darauf.
29 junge Plettenberger sind nach Angaben Borns inzwischen bei der Taschengeldbörse verzeichnet. Für ein Projekt, das erst seit knapp einem halben Jahr läuft, ist das eine Zahl, mit der die Seniorenvertretung leben kann. „Wir sind zufrieden damit, wie es läuft“, sagt Born.
Dann kommt das Aber: „Es fehlt eher auf der Kundenseite.“
Jugendliche sind also da. Arbeit eigentlich auch. Nur müssen beide Seiten noch häufiger zusammenfinden.
Born kennt die Vorbehalte. Wer jahrzehntelang Haus und Garten als privaten Rückzugsort erlebt hat, lässt nicht selbstverständlich einen unbekannten Jugendlichen hinein. „Manche scheuen sich, Fremde auf ihr Grundstück zu lassen“, sagt er. Seine Bilanz fällt trotzdem eindeutig aus: „Unsere Erfahrungen sind durchweg gut.“

Wenn der Auftrag nebensächlich wird
Vielleicht zeigt sich der eigentliche Wert der Taschengeldbörse ohnehin erst dann, wenn die Arbeit für einen Moment in den Hintergrund rückt.
„Es ist toll, wenn ein Austausch stattfindet und die Beteiligten voneinander erfahren, wie die Altersgruppen ticken“, sagt Born.
Genau darum geht es der Seniorenvertretung. Die Jugendlichen sollen nicht nur Arbeiten erledigen. Die Taschengeldbörse soll Menschen zusammenbringen, deren Lebenswelten Jahrzehnte auseinanderliegen. Dieses Ziel gehörte bereits beim Start des Plettenberger Projekts zum Konzept.
Britta Wortmann muss für ein Beispiel nicht weit suchen. Ihre Mutter nutzt das Angebot ebenfalls und beschäftigt eine Schülerin. Dort geht es längst nicht mehr nur darum, dass etwas erledigt wird.
„Über die Hilfe hinaus hat sie dadurch Gesellschaft“, erzählt Wortmann. „Da wird auch schon mal einfach nur gespielt.“
Ein Gesellschaftsspiel statt Gartenarbeit. Ein Gespräch statt eines erledigten Einkaufs. Aus einem Taschengeldjob kann so etwas entstehen, das sich nicht in zehn Euro pro Stunde abrechnen lässt.
Die Idee kommt aus der Nachbarschaft
Ganz neu ist das Prinzip nicht. Die Plettenberger Seniorenvertretung greift damit ein früheres Projekt der Freiwilligenzentrale wieder auf. Beim Neustart blickte sie auch nach Herscheid.
Dort betreibt die Ehrenamtsbörse Schwungrad eine Taschengeldbörse. Ute Reisener kümmert sich um die Koordination der Jugendlichen, Meryem Yilmaz dient als Ansprechpartnerin für Jugendliche und Jobanbieter. Auch dort übernehmen 14- bis 18-Jährige kleine Dienstleistungen für Menschen, die Unterstützung brauchen.
In Plettenberg ergänzt die Taschengeldbörse inzwischen weitere Angebote, mit denen die Seniorenvertretung Generationen zusammenbringen will. Dazu gehören Veranstaltungen wie „Handy, Tablet und Co.“ und gemeinsame Besuche in „Charlys Kneipe“ in Eiringhausen.
Zwei Stunden, die beiden etwas bringen
Bei Laura und Britta Wortmann braucht es dafür kein Veranstaltungsprogramm. Sie verabreden sich. Laura kommt in die Papenkuhle. Sie schneidet Rosen, zieht Unkraut aus dem Boden und kümmert sich um den Garten. Nach ungefähr zwei Stunden ist ihre Arbeit getan.
Laura hat ihr Taschengeld aufgebessert. Britta Wortmann kann den Garten von ihrer Feierabendliste streichen.
Und zwischen den beiden liegen zwar mehrere Jahrzehnte – im Garten spielen die für zwei Stunden keine große Rolle.
Aus KOMPLETT, September 2026, Seiten 18–19.
Text und Fotos: Bernhard Schlütter
